Bericht von Simeon Müller *

Deutschland
Ohne Schule: 7 Jahre
Freiheitsgrad: 3
1 (Schule zu Hause, Stundenplan,...) bis
5 (Ich konnte lernen was, wann und wo ich wollte!)


Schulabschluss: Realschule
Was machst Du derzeit?: Arbeit
Bist du angestellt oder Selbstständig?: angestellt

In welcher Branche arbeitest du? Gern auch mit Arbeitgeber :)

Ich arbeite in der Softwarebranche als Webentwickler.

Wie bist du dazu gekommen, in dieser Branche zu arbeiten?

Ich war schon immer technisch begeistert und habe viel am Computer gearbeitet. So konnte ich mir das Programmieren mit der Programmiersprache C# ohne große Probleme mithilfe eines Buches aneignen. Auch wenn ich anfangs selten dazu kam und es mir an Erfahrung fehlte, machte mir diese Arbeit grundsätzlich Spaß. Vor einer Weile wurde mir dann eine Stelle als Webentwickler angeboten, die ich gerne annahm. Zwar kannte ich mich auf diesem Gebiet noch nicht aus, konnte mich aber seitdem gut einarbeiten. Ich muss natürlich nach wie vor viel lernen, aber das tue ich gerne.

Was war deine Motivation für ein Lernen ohne Schule?

Mit der Zeit war ich die Schule leid und wollte lieber ohne sie lernen. Zu Hause hatte ich wesentlich mehr Gestaltungsfreiheit für meinen Lernalltag und konnte mich mehr mit Sachen beschäftigen, die mich wirklich interessierten.

Erzähle uns bitte ein bisschen über deine “Bildungskarriere”, wann hast du zu Hause gelernt, wann in der Schule?

Die ersten vier Jahre war ich in der Grundschule. In der 3. Klasse war die Schule für mich bereits etwas Normales. Doch einmal darauf aufmerksam gemacht, drängte sich mir immer mehr der Gedanke auf, dass das Lernen ohne dieses zwanghafte und starre Schulsystem doch viel freier und schöner sein könnte. Später bestätigte sich diese Vermutung; seitdem ich nicht mehr in die Schule gehe, vermisse ich sie auch nicht. Tatsächlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich mir das Meiste auch ohne Lehrer, nur anhand von Büchern oder anderen interessanten Materialien beibringen kann. Mittlerweile weiß ich aber auch den Wert einer anleitenden, unterstützenden Person sehr zu schätzen.

Wie war der Lern-Alltag gestaltet?

Ich lernte viel mit Büchern, oft waren es Schulbücher, die ich am liebsten nur durchlas ohne die schriftlichen Aufgaben zu machen. Wenn das nicht möglich war, machte ich zum selben Thema nur ein paar wenige Aufgaben schriftlich und ging den Rest gedanklich für mich durch. Durch die Schulbücher war das Lernen in Fächer unterteilt (Hausaufgaben gab es aber keine), teilweise schrieb ich mir dazu auch einen Stundenplan, den ich aber nicht streng einhielt. Manchmal lernte ich auch themenorientiert. Meine Lieblingsfächer waren Mathe, Englisch und Physik, je nach Lernmaterial machte ich aber auch die anderen Fächer sehr gerne. Meine Mutter wählte das Lernmaterial aus oder gab mir eine größere Aufgabe und schaute auch immer ein wenig, was ich gemacht hatte; wenn nötig, half sie mir, wobei sie andere Leute um Hilfe bat, wenn sie selbst nicht weiterkam. Insgesamt lernte ich aber ziemlich selbstständig und hatte auch viel Gestaltungsfreiheit. Tatsächlich konnte ich das Lernen jederzeit ohne weiteres z.B. für meine Hobbys (Klavierspielen, Filmen, Sport etc.) unterbrechen.

Jeder Mensch lernt verschieden. Kannst du uns von einem Beispiel erzählen, wie du dir ein bestimmtes Thema ganz individuell erarbeitet hast?

Als ich mich auf den Realschulabschluss vorbereitete, musste ich auch das Interpretieren von Gedichten und Kurzgeschichten lernen. Dazu hatte ich Bücher zur Prüfungsvorbereitung. Diese las ich mir zuerst nur durch und schaute mir bei den Aufgaben auch gleich die Lösungsbeispiele an. Ab und zu schrieb ich auch eine eigene Interpretation, wobei ich wieder das entsprechende Lösungsbeispiel zur Hilfe nahm, wenn ich nicht weiterkam. Je näher die Prüfung rückte, desto mehr schrieb ich ohne Hilfe. Nach einigen Tipps von Personen, die meine Interpretationen durchgelesen hatten, konnte ich auf diese Weise in Deutsch eine gute Arbeit schreiben.
Auch als ich die Programmiersprache C# lernte, las ich mir ein entsprechendes Lehrbuch zuerst nur durch (jedoch ohne alles zu verstehen) und übersprang die Aufgaben, danach probierte ich eine Beispielanwendung aus. Später versuchte ich eigene Anwendungen zu schreiben und nahm dabei immer wieder das Buch zur Hilfe. So konnte ich nach und nach alles verstehen.

Was sind deine Interessen und wie beschäftigst du dich mit ihnen?

Ich interessiere mich besonders für Technik (Kameras, Computer, Fahrräder etc.). Physik und Mathematik finde ich deshalb sehr spannend. Ich beschäftige mich mit diesen Themen, indem ich viel darüber lese und wenn möglich auch ausprobiere. Außerdem betätige ich mich gerne künstlerisch (Klavierspielen, Filme machen, Malen, etc.), dazu habe ich allerdings immer weniger Zeit; wenn ich doch dazu komme, mache ich es hauptsächlich praktisch und beschäftige mich nur nebenbei mit dem theoretischen Teil.

Welche Bücher, Programme, Webseiten und Tools hast du zum Lernen verwendet und kannst du empfehlen?

Wie schon erwähnt, habe ich viel mit Schulbüchern gelernt. Viele Schulbücher sind gar nicht so schlecht, aber richtig weiterempfehlen will ich sie auch nicht. Am besten hat mir das themenorientierte Lernen durch Projekte gefallen. Hierbei musste ich mir vieles individuell erarbeiten; dadurch hatte ich mehr Arbeit, konnte mir aber auch alles besser behalten. Diese Lernmethode kann ich auf jeden Fall empfehlen.

Wie hast du dich auf Deinen Abschluss vorbereitet?

Den Realschulabschluss machte ich mit einer Schulfremdenprüfung. Für die Vorbereitung auf den schriftlichen Teil nutzte ich hauptsächlich die dafür vorgesehenen Bücher und machte so die Prüfungsaufgaben vergangener Jahre; dabei hielt ich mich an die Zeitvorgaben und benotete mich danach selbst. Außerdem nahm ich die Unterstützung von hilfsbereiten Personen an, die alles noch zusätzlich kontrollierten und mir nützliche Hinweise gaben. Für den mündlichen Teil las ich die entsprechenden Schulbücher durch und erstellte meine Referate zu Themen, die mich interessierten (oder sich anboten). Zuerst schrieb ich mir auf, was ich sagen wollte, dann formulierte ich einen kompletten Text aus, jedoch ohne diesen auswendig zu lernen; stattdessen hielt ich meine Referate einfach öfters, allerdings immer ein wenig anders. Später suchte ich mir passende Bilder und Grafiken und übte mein Referat regelmäßig. Für die mündliche Englischprüfung musste ich zudem viel mit Personen sprechen, die gut Englisch konnten. Bei alldem hatte ich aber immer noch genügend Zeit für andere Sachen und übertrieb es mit dem Lernen keineswegs. Trotzdem war ich gut auf die Prüfung vorbereitet und hatte am Ende auch ein gutes Abschlusszeugnis.

Würdest du dir für deine Kinder ein Lernen ohne Schule wünschen?

Ja, ich würde meine Kinder auch ohne Schule lernen lassen!

Da ich sowohl in der Schule als auch zu Hause gelernt habe, kenne ich beides und bin der Meinung, dass Bildung eine sehr individuelle Sache ist und mit möglichst viel Freiheit geschehen sollte. Die Schule soll Kinder auch auf das Erwachsensein vorbereiten, stattdessen macht sie aber aus Kindern viel zu schnell kleine Erwachsene. Ich glaube, dass Kinder erst noch genügend Zeit brauchen, ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln, bevor sie auch alleine gut zurechtkommen. Dies weiß ich aus eigener Erfahrung. Natürlich darf dies nicht zu einer Abschottung von der Außenwelt führen, sondern vielmehr zu einem anfangs noch kontrollierten Kontakt, bei dem nach und nach immer weniger eingegriffen wird.
Selbst wenn das Lernen zu Hause einen Nachteil gegenüber dem Lernen in der Schule hätte, so würden doch die Vorteile überwiegen – es gibt aber keinen Nachteil der nicht beseitigt werden könnte. Wenn es um Wissensvermittlung geht, ist die Schule im Zeitalter der modernen Kommunikationsmittel sowieso überflüssig geworden.