Bericht von Esra Reichert

Deutschland, Rheinland-Pfalz
Ohne Schule: 4 Jahre
Freiheitsgrad: 5
1 (Schule zu Hause, Stundenplan,...) bis
5 (Ich konnte lernen was, wann und wo ich wollte!)


Schulabschluss: Abitur
Was machst Du derzeit?:

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Was war deine Motivation für ein Lernen ohne Schule?

Da wir schon seit meiner Kindheit als Familie viel gereist sind, wussten wir, wie gut eine längere Reise für die eigene Bildung und Weltoffenheit ist. Während den Jahren, die meine Geschwister und ich in der Schule verbrachten, standen uns dafür nur die Schulferien zur Verfügung. Aufgrund von genereller Unzufriedenheit in der Schule und dem Wunsch, längere Reisen zu unternehmen, ließen wir schließlich unser "altes" Leben zurück und begannen ein neues. Mein vater kündigte seinen Job und meine Eltern machten ihre Leidenschaft, die Fotographie, zu ihrem Beruf. Da wir nun etwa die Hälfte unserer Zeit auf Reisen verbrachten, war das Freilernen eine ganz selbstverständliche Entscheidung.

Erzähle uns bitte ein bisschen über deine “Bildungskarriere”, wann hast du zu Hause gelernt, wann in der Schule?

Ich verbrachte mit einigen Pausen etwa achteinhalb Jahre in der Schule und vier Jahre als Freilerner. Meine Geschwister verbrachten sechseinhalb bzw. viereinhalb Jahre in der Schule.
Da ich die 10. Klasse zumindest halb besuchte (das war zu der Zeit, als wir die Entscheidung trafen, die Schule zu verlassen) hatte ich bereits einen Realschulabschluss. Den bekommt man in RLP auf dem Gymnasium ohne Abschlussprüfung. Von den hier üblichen drei Schuljahren Oberstufe verbrachte ich keinen Tag in der Schule.

Wie war der Lern-Alltag gestaltet?

Bis auf das letzte Dreivierteljahr, welches ich mit selbstständigem, prüfungsorientiertem Lernen verbrachte, war mein Lernalltag völlig frei. Ich beschäftigte mich mit Dingen, die mich gerade interessierten, und folgte keinem Lehrplan oder irgendwelchen anderen Anleitungen. In dieser Zeit lernte ich sehr viele Dinge, die mir auch später sehr zum Vorteil waren. Das wichtigste, das ich in dieser Zeit lernte, war, WIE man lernt. Durch meine vielen interessenorientierten Tätigkeiten lernte ich, mich selbst zu organisieren und mir neues Wissen anzueignen.
Die Phase vor den Abiturprüfungen verbrachte ich mit zielgerichtetem, aber trotzdem völlig autonomen Lernen. Ich hatte mir die Vorgabe gesetzt, mindestens fünf Stunden am Tag zu lernen, und das sechs Tage die Woche. Mit welchem Fach ich mich zu einem gegebenen Zeitpunkt beschäftigte, hing davon ab, wo momentan die "größte Baustelle" war, also wo ich noch am meisten lernen musste.

Jeder Mensch lernt verschieden. Kannst du uns von einem Beispiel erzählen, wie du dir ein bestimmtes Thema ganz individuell erarbeitet hast?

Wie ich etwas lernte war von Fach zu Fach (bzw. von Fähigkeit zu Fähigkeit) sehr unterschiedlich. Teilweise geschah es "nebenbei", wie zum Beispiel Englisch, doch für Mathe musste ich aktiv lernen.

Englisch lernte ich zum einen beim Lesen (Bücher sind oft billiger in Englisch), im Gespräch mit Engländern, und im Internet. Viele meiner Hobbies und Interessen erforderten, dass ich mir neue Fähigkeiten aneignete, und so verbrachte ich viel Zeit auf Internetforen, die meistens englischsprachig waren. Kombiniert mit dem gelegentlich gelesenen Buch und den vielen Konversationen mit englichsprachigen Freunden und Bekannten brachte mir das im Abitur die volle Punktzahl, ohne dass ich aktiv dafür Zeit aufwenden musste.

Ganz anders verhielt es sich mit Mathe. Da tut sich nichts "von selbst", man muss sich also gut organisieren, Materialien zuammensuchen und viel Zeit am Schreibtisch aufwenden. In der Schule war ich immer mittelmäßig bis schlecht in Mathe gewesen, aber als Autodidakt konnte ich zielgerichteter und mit weniger Zeitvergeudung lernen. Ich übte meine Wissenslücken eine nach der anderen weg und bestand schließlich die schriftliche Prüfung mit 14 Punkten (einer glatten Eins).

Was sind deine Interessen und wie beschäftigst du dich mit ihnen?

Ich fahre viel Fahrrad, reise gerne, gehe auf Konzerte, beschäftige mit mit kreativen Projekten, und lese viel.

Letztes Jahr habe ich eine dreimonatige Fahrrad-Reise durch Nordeuropa unternommen, bei der ich etwa 4.000 Kilometer zurücklegte und viel Zeit bei Freunden in allen Ecken des Nordens verbrachte.
Ich arbeite gerne mit meinen Händen und baue alle möglichen Dinge, von kreativen Miniaturen über meinen Wohnzimmertisch bis zu einem Katapult.
Neben Unterhaltungsliteratur lese ich auch gerne über Naturwissenschaftliche Themen, und mein Interesse für Geographie hat mich dazu bewegt, das Fach zu studieren.

Welche Bücher, Programme, Webseiten und Tools hast du zum Lernen verwendet und kannst du empfehlen?

Bücher: zu viele um sie aufzuzählen.

Im Internet sticht neben genereller Recherche die Khan Academy heraus, eine Website voll mit Lernvideos, die für meine Mathenote hauptverantwortlich ist. Sie nutze ich, um eine Solide Wissensgrundlage zu legen, auf die ich mit viel Üben (aus dem Textbuch) aufbaute.

Im Grunde kann ich hier nur sagen, dass es in jedem Fach andere Mittel gab, um ans Ziel zu kommen, doch ein gutes Lehrbuch hat nie geschadet.

Wie hast du dich auf Deinen Abschluss vorbereitet?

Ich glaube das kommt schon in den anderen Antworten gut rüber :)

Ich finde an dieser Stelle Leonard Bernsteins Aussage sehr zutreffend: "Um Großes zu erreichen, braucht man zwei Dinge: einen guten Plan, und nicht genug Zeit."

Mein Hauptmotivator, mich tatsächlich mit einen Lehrbuch hinzusetzen, war die immer näher rückende Prüfung.

Würdest du dir für deine Kinder ein Lernen ohne Schule wünschen?

Ja, ich würde meine Kinder auch ohne Schule lernen lassen!

An meinen Geschwistern und mir, sowie an vielen meiner freilernden Freunde habe ich gesehen, dass eine Jugend ohne Schule ausgeglichene, interessierte, und gebildete Menschen hervorbringt. Das einzige, was ich an meiner Zeit als Freilerner bereue, ist, dass sie nicht länger war.