Bericht von Malchus Kern

Deutschland, Baden-Württemberg
Ohne Schule: 8 Jahre
Freiheitsgrad: 5
1 (Schule zu Hause, Stundenplan,...) bis
5 (Ich konnte lernen was, wann und wo ich wollte!)


Schulabschluss: ohne Schulabschluss
Was machst Du derzeit?: Arbeit
Bist du angestellt oder Selbstständig?: beides

Webseite

In welcher Branche arbeitest du? Gern auch mit Arbeitgeber :)

Ich arbeite in Teilzeit bei einem Großhändler für Naturkost als Lagerist, habe einen kleinen Großhandel für Geschenkartikel, mache Marketing, Kommunikation SEO, Social Media, Fotografie und Content für Webseiten für Unternehmen, Einzelpersonen und Projekte, sowie das Projekt Yes! We Can Farm, in welchem ich, zusammen mit einem Partner, landwirtschaftliche Betriebe porträtiere, die innovativ arbeiten. Zusätzlich baue in den TEAMWERK Coworking Space in Ravensburg auf.

Wie bist du dazu gekommen, in dieser Branche zu arbeiten?

Meine selbstständigen Tätigkeiten haben sich ergeben, indem ich meinen Interessen gefolgt bin. Diese haben zu Praktika im Handel geführt, woraufhin ich mich entschied, einen eigenen Online-Shop zu eröffnen. Die Tätigkeit als Lagerist ergab sich eher durch Zufall, da ein Verwandter in dem Betrieb arbeitete, eine Stelle frei wurde und ich mich mit dem Abteilungsleiter sehr gut verstand.

Was war deine Motivation für ein Lernen ohne Schule?

Die Gründe sind vielfältig. Abgesehen davon, dass ich das soziale Miteinander in den staatlichen Schulen unpassend finde, glaube ich, dass lernen nur dann wirklich nachhaltig geschieht, wenn der Lernende begeistert ist - er also lernen möchte. Das war bei mir in der Schule fast nie der Fall, zu Hause jedoch schon. Dort konnte ich mich ausführlich dem widmen, was mich interessierte und mir meine "Lehrer" selbst suchen. Auch lerne ich lieber interaktiv und vertiefe mich länger in ein Thema, als nur für 45 Minuten. Aber auch die ungesunde Sitzhaltung und wie die Themen in der Schule behandelt werden, sind für mich Gründe, diese nicht zu besuchen.

Erzähle uns bitte ein bisschen über deine “Bildungskarriere”, wann hast du zu Hause gelernt, wann in der Schule?

Von Anfang an wollte ich nicht zur Schule gehen, da meine drei älteren Geschwister dort nicht zufrieden waren. Ich bin dann einige Monate später als üblich eingeschult worden und habe die Grundschule besucht. Am Ende der Grundschule bin ich auf das örtliche Gymnasium gewechselt. Zur gleichen Zeit gründeten meine Eltern eine Freie Aktive Schule, in welcher mein jüngerer Bruder keinen Unterricht und keine Hausaufgaben hatte, ich jedoch weiterhin, ging ich ja auf eine staatliche Schule. Auch war ich in der Schule sehr unzufrieden, da ich nicht meinen Interesse folgen konnte, gezwungen war, den Tag im sitzen zu verbringen und auch der Umgang der Lehrer mit uns Schülern nicht angemessen war. Wir wurden angeschrien, mussten regelmässig unentschuldigt warten und es wurde kaum auf die individuellen Fähigkeiten des einzelnen eingegangen. Auch das soziale Miteinander unter den Schülern war erschreckend. Zwei Schüler wurden immer wieder gehänselt, beklaut und erniedrigt, wogegen die Lehrer nichts tun konnten. Mich hat das sehr belastet, weil ich den beiden Außenseitern gerne geholfen hätte, aber nicht selber Ziel dieses Mobbings werden wollte.

Wie war der Lern-Alltag gestaltet?

Wenn mich ein Thema interessierte, dann habe ich versucht, alles mögliche darüber herauszufinden. Wir waren als Familie alle zwei Wochen in der Bücherei und haben uns dort mit spannenden Büchern eingedeckt. Dann haben wir Filme gesehen und im Internet Informationen gesammelt. Unsere "Ferien" haben wir in Museen verbracht, wovon wir zwischen 10-20 Stück pro Jahr besucht haben - immer freiwillig! Es gab ansonsten keinen festen Plan, wir konnten einfach das machen, was wir wollten.

Jeder Mensch lernt verschieden. Kannst du uns von einem Beispiel erzählen, wie du dir ein bestimmtes Thema ganz individuell erarbeitet hast?

Als ich verstehen wollte, was die Texte englischer Lieder bedeuteten, suchte ich mir ein Wörterbuch und übersetzte Wort für Wort. Weil jedes Wort sehr oft vorkam, prägte ich mir diese sehr gut ein. Ein weiteres Beispiel ist Geografie: Es macht mir sehr Spaß zu spielen und zu rätseln. Zuhause hatten wir ein Europa-Puzzle mit Karten der Flagge jedes europäischen Landes. Wir haben einander dann abgefragt - wo liegt dieses Land, wie heißt es, was ist die Hauptstadt, welche Währung - noch heute weiß ich die meisten. Kiew ist die Hauptstadt der Ukraine ;)

Was sind deine Interessen und wie beschäftigst du dich mit ihnen?

Meine Interessen sind so vielfältig, dass ich sie gar nicht alle aufzählen kann. Damit ich mich richtig viel mit ihnen beschäftigen kann, versuche ich, sie in meine berufliche Tätigkeit einzubinden. Dazu gehört: Schreiben, Marketing, Kommunikation, Fotografie, Design, Handel, Beratung, Gärtnern, Landwirtschaft, Teambuilding, Innovation, Sport und vieles mehr.

Welche Bücher, Programme, Webseiten und Tools hast du zum Lernen verwendet und kannst du empfehlen?

Je nach Gebiet. Als ich die Bedienung meiner Spiegelreflexkamera lernen wollte, habe ich mir die Bücher aus der Bücherei ausgeliehen, die die besten Bewertungen online hatten. Bei spezifischen Fragen habe ich gegoogelt. Wenn ich Recherche für Artikel mache und ein Meinungsbild brauche, schaue ich auf www.quora.com vorbei. Für Obstbaumschnitt auf www.gartenvideo.com. Zum Sprachen lernen finde ich Rosetta Stone gut geeignet.

Wie hast du dich auf Deinen Abschluss vorbereitet?

Nachdem ich nur für Menschen arbeiten möchte, die mehr Wert auf den Mensch und seine aktuellen Fähigkeiten legen, habe ich keinen Abschluss abgelegt. Bisher bin ich damit auch zufrieden - mit dem Wissen, immer die Option zu haben, einen zu machen!

Würdest du dir für deine Kinder ein Lernen ohne Schule wünschen?

Ja, ich würde meine Kinder auch ohne Schule lernen lassen!

Ich bin zufrieden. Meine Kinder sollen die Wahl haben. Gerne dürfen sie eine Schule besuchen - wenn sie wollen!