Bericht von Hanna Bruhn

Deutschland, Schleswig-Holstein
Ohne Schule: 10 Jahre
Freiheitsgrad: 3
1 (Schule zu Hause, Stundenplan,...) bis
5 (Ich konnte lernen was, wann und wo ich wollte!)


Schulabschluss: ohne Schulabschluss
Was machst Du derzeit?: Ausbildung

Was war deine Motivation für ein Lernen ohne Schule?

Es war weniger meine eigene Motivation als die meiner älteren Brüder, ich bin da als viertes Kind eher reingewachsen. Mein ältester Bruder war bis zur dritten Klasse in einer öffentlichen Grundschule und hatte dort solch massive Probleme, dass er schließlich sagte: "Papa, ich geh da nicht mehr hin", und so wurden wir Kinder alle gleich zu Hause unterrichtet.

Ich selbst bekam so mit 4 Jahren meinen ersten Schreibtisch im neu eingerichteten Schulzimmer und durfte bei den Großen mitlernen, indem ich an der Tafel einzelne Buchstaben oder Wörter schrieb, und ich fragte oft die Großen ab mit einem extra Heft zum Kopfrechnen mit Lösungen, so dass viele Matheaufgaben "einfach so" in mir hängen blieben.

Es macht riesig Spaß, wenn man Sachen lernen darf, die eigentlich für ältere Kinder sind.

Erzähle uns bitte ein bisschen über deine “Bildungskarriere”, wann hast du zu Hause gelernt, wann in der Schule?

Ich selber war ausnahmslos zu Hause, bis auf 2 Tage in der 10. Klasse, die ich besuchsweise bei einer Freundin in einer Abendrealschule verbracht habe. Das war eine sehr interessante Erfahrung, die ich allerdings nicht wiederholen wollte. :-)

Allerdings gab es häufige Veranstaltungen der Philadelphia-Schule, wie Projektwochen über Strom, Wasser, Handarbeit, Werken uvm., dazu halbjährliche Seminare für Eltern und Schüler mit "richtigen" Lehrern, wo wir dann mit den Schülern anderer Familien in Klassen zusammengefasst und gemeinsam beschult wurden. Das war sehr motivierend (z.B. an einem Vormittag 16 Wochen Physikstoff behandelt - wow!).

Einige weitere interessante Erfahrungen waren 3 Praktika über 2 bzw. 4 Wochen in KiTa, Kinderheim (Hauswirtschaft) und Pflegeheim sowie ein ganzjähriges FSJ in einem Krankenhaus. Für diese Horizonterweiterungen bin ich sehr dankbar.

Die einzige Prüfung, die ich je abgelegt habe, war die für das Cambridge Zertifikat in Englisch (B1-Level), damit ich nach 3-jähriger Lehre den Realschulabschluss automatisch anerkannt bekomme. Dafür bin ich mit meinem Bruder ins nächste Bundesland gefahren, da bei uns die Nachfrage zu klein war, und habe dort mit ihm gemeinsam die Prüfung ohne Schwierigkeiten abgelegt.
Das gleichnamige Übungsbuch bekommt man im Internet, und Originalprüfungen kann man sich bei Youtube ansehen.

Im letzten Herbst bin ich das erste Mal in eine staatliche Schule gekommen, da ich seit August eine Ausbildung bei LIDL absolviere und somit Berufsschüler geworden bin. Ich habe keinerlei Schwierigkeiten, mit der Klasse mitzukommen - eher ist es andersherum ;-) - und ich wurde von vornherein als vollwertiger Klassenkamerad akzeptiert; ich habe manchmal sogar das Gefühl, sie sind stolz darauf, mich "Kuckucksei" in ihrer Klasse zu haben :-D.

Selbst der Schulleiter meinte beim Austeilen des Halbjahreszeugnisses anerkennend: "Ich muss sagen - erstaunlicherweise hat es Dir sehr gut getan, die letzten 10 Jahre nicht in der Schule gewesen zu sein!" - die Note war: 1,0

Wie war der Lern-Alltag gestaltet?

Morgens nach dem Frühstück erledigten wir zwischen 7 und 8 Uhr zuerst unsere Aufgaben am Computer mit den Lernprogrammen und Vokabeltrainern, und dann ging es los bis 14 / 15 Uhr - meistens nach Stundenplan, der allerdings manchmal spontan über den Haufen geworfen wurde, wenn ein Thema gerade besonders interessant oder todlangweilig war. Mathe mit unserem Vater, Englisch, Latein und Französisch bei unserer Mutter und der Rest wie Bio, Deutsch, Geschichte etc. mit Unterstützung in Stillarbeit. Hausaufgaben gab es nicht, die haben wir praktisch morgens gleich mitgemacht.
Erdkunde haben wir soweit es ging live gemacht, sind überall in Deutschland und seinen Nachbarländern rumgefahren und haben alles wichtige selber besichtigt - das war sehr anschaulicher Unterricht!

Sehr viel unseres Lernens (und ich spreche nicht vom büffeln) haben wir spontan und ohne es zu merken mitbekommen, zum Beispiel wenn Mama uns Fremdwörter erklärt und uns deren Aufbau, Herkunft und ihr Auftauchen in den verschiedensten Sprachen gezeigt hat. Und dann macht man am Mittagstisch lateinische Vokabeln, da einige von uns besonders durchs Hören lernen, und die passende Grammatik (Mama sprang oft beim Essen auf und holte die Tafel, um uns etwas zu erklären - sie liebte das Nebenbeilernen). Ganz prima klappt Kopfrechnen auf der Schaukel, das ist nicht mehr Lernen sondern Spielen, folglich kann es unglaublich Spaß machen.

Spaziergänge eignen sich hervorragend zum Balladenaufsagen (Deutsch) oder Tiere und Pflanzen bestimmen (Biologie), entsprechende Büchlein hatten wir stets dabei. Man wird so aufmerksam auf die kleinen Dinge...

Das ist schön daran, zu Hause zu lernen: man kann sich selber aussuchen, wie und wann man was machen möchte. Man muss nicht unbedingt jetzt die Regenwaldabnutzung in Brasilien durchnehmen, und muss auch nicht um 16 Uhr aufhören.

Jeder Mensch lernt verschieden. Kannst du uns von einem Beispiel erzählen, wie du dir ein bestimmtes Thema ganz individuell erarbeitet hast?

Im Geschichtsbuch ging es einmal um die französische Revolution. Das gefiel mir aber gar nicht, denn es war so trocken geschrieben, dass mir nach 10 Minuten die Zunge am Gaumen klebte. Also gab Mama mir ein Buch ("Mamie 1780-1794") zu lesen, danach lieh ich mir in der Bücherei Literatur dazu aus und las alles, was ich in Form von Doku, Sachbuch oder Geschichtsroman dazu bekommen konnte. Der Film "Désirée" gab auch noch ein paar Puzzleteilchen über Napoleon, und das ganze war viel aufregender als eine Doppelseite im Schulbuch.

Wir waren überhaupt Stammkunde in der Bücherei, die Damen dort halfen uns stets sehr zuvorkommend. Sie fanden unsere Lernart sehr spannend.

Was sind deine Interessen und wie beschäftigst du dich mit ihnen?

Ich mag Geschichte, mich interessieren andere Länder und ich informiere mich darüber durch Buch und Film. Ich nähe sehr gerne, aber ich mag keine Schnittmuster, weswegen manchmal etwas anderes rauskommt, als ich gedacht hatte - ups. Ich fahre gerne Auto und ich liebe Kinder.

Ich spiele (wie jeder von uns) verschiedene Instrumente und liebe es, mit Freunden und meiner Familie zusammen zu musizieren und zu singen. Als Familie haben wir mit ein paar Freunden auch schon den Einzug auf zwei Hochzeiten musikalisch gestaltet, so etwas ist dann mal was ganz besonderes.

Außerdem spielen wir alle gerne mit unseren Freunden in der großen Runde Gesellschaftsspiele.

Welche Bücher, Programme, Webseiten und Tools hast du zum Lernen verwendet und kannst du empfehlen?

Als Schulbücher haben wir zum größten Teil die "alten" meiner Mutter genommen (die haben noch höheres Niveau, sind übersichtlicher gestaltet und haben inhaltlich bessere Werte) oder aus Bundesländern, die unserem voraus sind, zum Beispiel hat meine Mutter für das Grundschulenglisch auf einer Schulbuchmesse "Bumblebee" gekauft, das es für unser Land noch nicht gab, da Grundschulenglisch damals nicht im Lehrplan vorgesehen war.

Auch die Schlauer-lernen Bücher aus dem Tandem-Verlag von Aldi haben wir gerne bearbeitet, weil dort alles einfach erklärt und für zeitweise schreibfaule Kinder angenehm zu schaffen war. :-)

Gottwein.de und sprachenstudio.net für Latein haben uns sehr geholfen, minimus-etc.co.uk/ zu dem passenden Schulwerk für Grundschullatein in englischer Sprache - damit schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe - ansonsten fallen mir spontan keine Websites ein; wir hatten eher Programme für den Computer wie English G zum Schulbuch, Phase6, JeWa Mathetrainer, disco für Latein, Emil und Pauline (na gut, das war etwas verrückt, wir haben es aber unheimlich geliebt!) und Martins Lernwerkstatt vom Tandem-Verlag für Mathe und Deutsch.

Als ich noch recht klein und das Internet noch nicht so vertreten war, haben meine Eltern aus einer öffentlichen Schulbibliothek VHS-Kassetten ausgeliehen, über Erfindungen wie die Glühbirne oder die Dampfkraft und ihre Erfinder, über andere Länder und ihre Sitten, über Physik und Mathematik und mehr in dieser Art, alles fertig für Schüler aufbereitet.

Dazu haben wir unzählige Spiegel-TV DVDs angeschaut, wo Bereiche der Geschichte anschaulich durch Originalaufnahmen und Historiker beleuchtet werden; die Reihe "Die Deutschen" behandelt in 10 DVDs Mitteleuropa vom 10. Jahrhundert bis heute, wo wir unsere Geschichte hautnah miterleben konnten und geschichtliche Figuren wie Karl der Große, Barbarossa, Luther, Bismarck, Friedrich v. Preußen und Napoleon für uns zu Menschen wurden.

Wie hast du dich auf Deinen Abschluss vorbereitet?

Gar nicht. Meine großen Brüder hatten es auch ohne Abschluss geschafft, eine Lehrstelle zu finden, und so wollte auch ich mich nicht dem Prüfungsstress einer Externenprüfung unterziehen. Ich habe auch ohne Abschluss (oder vielleicht gerade deswegen?) eine hervorragende Ausbildungsstelle bekommen.

Ich habe das letzte Schuljahr etwas ernsthafter gelernt (mit Fernunterstützung einer Lehrerin der Philadelphia-Schule) als die davor, aber sonst einfach mitgenommen, was noch ging (so habe ich Spanisch und Russisch begonnen) - "So viel Zeit wie jetzt werdet ihr nie wieder haben."

Und das, was ich nicht verstanden habe, weil es einfach komplett außerhalb meines Interessenbereichs lag, habe ich weggelassen und mich dafür mit den Dingen beschäftigt, die mich fasziniert haben, zum Beispiel finde ich 2000 Jahre Deutsche Geschichte viel anregender als den Aufbau des Pantoffeltierchens, welches ich mir also geschenkt habe und stattdessen Spiegel-TV Filme angesehen oder geschichtliche Romane gelesen habe; so lernt man tatsächlich am effektivsten, es ist sozusagen Product Placement im schulischen Bereich ;-).

Wie ging es weiter? Wie hast du deine Art der Bildung im Vergleich mit deinen Mitmenschen wahrgenommen? War es schwierig sich im sozialen Leben einzufinden?

Ich hatte vor Ort außer meinen Geschwistern nur eine Handvoll Freunde, was aber durchaus gereicht hat - wir hatten ja europaweit Freunde zum Telefonieren, Schreiben und Besuchen. Sonntags trafen wir in der Gemeinde einige davon und blieben den ganzen Tag zusammen.
Im Alter von 5 bis 15 Jahren war ich allerdings mit meinen Brüdern im örtlichen Kinderturnen, bis es mir zu blöd war, weil meine Altersklasse plötzlich wegbrach und ich mit "Kleinkindern" in einer Gruppe war; aber auch dort knüpft man keine festen Kontakte. Die meißten guckten erst schockiert und dann neidisch angesichts der Tatsache, dass wir in keine staatliche Schule gingen, und auch der Umstand, dass ich 5 Geschwister habe, hat die Leute oft schockiert ("So viele!" - wir empfanden das natürlich nicht als viel, sondern als normal). Auf diese Weise Leute zu schockieren hat uns immer einen Heidenspaß gemacht ;-).
Daher habe ich die ersten "richtigen" Schulkinder und alles, was dazu gehört, erst durch meine Praktika, das FSJ und besonders durch die Berufsschule kennengelernt.

Mir fiel auf, dass ich zwar nie gelernt hatte, wie man ein Gedicht interpretiert, ich es dafür aber in einwandfreier Orthographie schreiben und fließend lesen kann, was viele Schulabgänger (egal, welche Schule) leider nicht konnten. Auch das ständige Gerede, Essen und Handyspielen im Unterricht hat mich ziemlich geplättet. Sowas gab es bei uns nicht - außer Salzstangen im Französisch-Unterricht :-).
Jugendliche, die 6 Jahre oder länger Englischunterricht gehabt haben, können jetzt keinen gescheiten Satz rausbringen, mit Mathematik vergleichsweise dasselbe. Da ist doch irgendetwas völlig schiefgelaufen. Ich hatte von der 1. bis zur 5. Klasse Englisch, danach nur noch DIY mit Büchern und Filmen, und kann mich auf Englisch verständigen. Ich hab mich mal mit einer Freundin, die in der Schule war, unterhalten. Sie sagte, sie haben stets nur für die Klausur gebüffelt, fast nie gesprochen, viel Grammatik, und sie kann keinen Satz sagen. Ich habe Englisch erlernt wie eine Muttersprache: durch hören und nachmachen. Und es sitzt.

Ansonsten gewöhnt man sich schnell an neue Dinge, und meine Klasse, die für mich zuerst einem Irrenhaus bedenklich nahekam, wird immer normaler für mich. In der Schule ist es halt so - ändern kann man es nicht. Ich bin nur froh, dass ich zuhause nicht so lernen musste, und ich möchte wirklich nicht in der Haut der deutschen Lehrer stecken!

Würdest du dir für deine Kinder ein Lernen ohne Schule wünschen?

Ja, ich würde meine Kinder auch ohne Schule lernen lassen!

Ich möchte meinen Kindern dasselbe ermöglichen, was unsere Eltern für uns geschafft haben: lernen statt büffeln, ohne Druck, mit der Freiheit, Unterrichtsstoff wegzulassen, der einem nicht gefällt oder den man nicht akzeptieren kann und dafür zum Beispiel mehr Sprachen zu erlernen, als man in der staatlichen Schule kann. Die Ferienzeiten zu ändern, wenn der Vater den Urlaub nicht anders bekommt; bei bombastischem Wetter (Sonne/Schnee) einfach mal in den Garten zu gehen oder den Unterricht nach draußen zu verlegen.

Wenn ich kleine Kinder schon frühmorgens auf dem weiten Weg zur Schule sehe, dann kann ich die einfach nur bedauern, denn der Arbeitsalltag mit festen Zeiten und kompromissloser Erscheinungspflicht fängt für sie spätestens mit 6 Jahren an (wenn sie nicht in den Kindergarten gehen), wogegen ich, bis ich ins Arbeitsleben kam, "Kind" sein durfte.

Erwachsen mit all den Pflichten wird man früh genug, die Kindheit, die so wichtig für die gesamte Entwicklung ist, kommt nicht wieder. Und sie wird der heutigen Jugend auch noch vorzeitig genommen. Das ist wahrhaftig jammerschade.