Bericht von Sabine Müller *

Deutschland
Ohne Schule: 7 Jahre
Freiheitsgrad: 5
1 (Schule zu Hause, Stundenplan,...) bis
5 (Ich konnte lernen was, wann und wo ich wollte!)


Schulabschluss: Abitur
Was machst Du derzeit?:

Was war deine Motivation für ein Lernen ohne Schule?

In dem Alter, in dem ich schulpflichtig wurde, vor allem meine Eltern. Sie hatten selbst schlechte Erfahrungen in der Schule und im Kindergarten gemacht, meine Mutter war Grund- und Hauptschullehrerin gewesen und hatte sich sehr starkt mit verschiedenen Bildungsformen auseinandergesetzt. Sie hatte dann verschiedene Bücher gelesen und wollte das, was dort beschrieben wurde, auch ihrer Tochter ermöglichen, ein Leben und Aufwachsen ohne Leistungsdruck und soziale Zwänge. Und vor allem viel Zeit für meine Entwicklung.

Erzähle uns bitte ein bisschen über deine “Bildungskarriere”, wann hast du zu Hause gelernt, wann in der Schule?

Ich war nie im Kindergarten und wurde mit sechs auch nicht eingeschult. Von der ersten bis zur ersten Hälfte der achten Klasse habe ich zu Hause gelernt, habe dann ab der zweiten Hälfte der 8. Klasse eine integrierte Gesamtschule besucht, wo ich meinen Haupt- und Realschulabschluss gemacht habe. Danach bin ich auf ein Oberstufen Gymnasium gewechselt und habe drei Jahre später mein Abitur gemacht. In dieser Zeit habe ich irgendwann noch meinen Highschoolabschluss über Clonlara gemacht. Ich wollte auf keinen Fall direkt wieder in festen Strukturen stecken und habe erstmal eineinhalb Jahre pausiert, bin viel unterwegs gewesen, habe an Funkenflug teilgenommen, das Schulfrei-Festival weiter mitorganisiert und auf verschiedenen Veranstaltungen gekocht. Jetzt fange ich gerade ein Geschichts- und Philosophiestudium an und bin gespannt, wie es weitergeht.

Wie war der Lern-Alltag gestaltet?

Meist habe ich bis 10 Uhr geschlafen und habe mich dann direkt an eines meiner Kreativprojekte gesetzt. Irgendwann mit meiner Mutter gegessen (sie hat zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gearbeitet) und danach weiter gebastelt, CDs gehört, etc. Oft bin ich dann noch mit meiner Mutter einkaufen gegangen oder habe abends für die ganze Familie gekocht. Ich habe aber auch an vielen Workshops in Museen teilgenommen, habe zeitweise mit verschiedenen PC- Programmen Englisch gelernt oder mit Hilfe meines Vaters z.B. Schwimmen.

Jeder Mensch lernt verschieden. Kannst du uns von einem Beispiel erzählen, wie du dir ein bestimmtes Thema ganz individuell erarbeitet hast?

Ich habe sehr spät Lesen und Schreiben gelernt, also so zwischen 13 und 14. Das hieß aber nicht, dass ich keine Grammatikregeln anwenden oder wirklich gutes Deutsch sprechen konnte. So etwa mit 9 habe ich meine Begeisterung fürs Auswendiglernen von Märchen und Gedichten entdeckt. Mit Hilfe von CDs habe mit großem Erfolg vieles verinnerlicht und Freunden und Bekannten vorgetragen. Die meisten Märchen und Gedichte habe ich noch nie in meinem Leben gelesen, konnte sie aber Wort für Wort nacherzählen. Auch heute habe ich eine Art akustisches Gedächnis und merke mir Wörter oder Inhalte oft über den Klang bzw. das gesprochene Wort und nicht über die Schreibweise.

Was sind deine Interessen und wie beschäftigst du dich mit ihnen?

Ich koche sehr gerne und ich behaupte, auch gut. Ich habe etwa mit 7 Jahren angefangen und mein Wissen und meine Fähigkeiten immer wieder erweitert, so habe ich mitlerweile für Gruppe bis 300 Personen gekocht, einen Kochkurs gegeben und mit einem Freund zusammen ein veganes Musik-Dinner organisiert.
Seit 2012 organisiere ich ehrenamtlich das Schulfrei-Festival mit, weil es mir ein großen Anliegen ist, Menschen, die in der gleichen Situation waren wie ich, ein solch großes Zusammentreffen freillernender und -denkender Menschen zu ermöglichen. Auch hier in Deutschland.
Darüber hinaus lese, stricke und häkele ich gerne, spiele seit sieben Jahren Klavier und gehe gern mal ins Theater.
Außerdem bereitet mir die Arbeit mit Menschen viel Freude, wie zum Bespiel beim Jugendverein Septré, der sich seit 2008 für die Bildungsfreiheit einsetzt und wichtige Vernetzungsarbeit für Freilerner leistet.

Welche Bücher, Programme, Webseiten und Tools hast du zum Lernen verwendet und kannst du empfehlen?

schwer zu sagen: CDs mit Märchen und Gedichten kann ich wie gesagt sehr empfehlen, aber es muss auch ein spezifisches Interesse dahingehend bestehen. Englisch habe ich viel mit "Tell me more" gelernt, musste aber im Nachhinein feststellen, das das Programm zum Vokalbeln lernen gut geeignet ist, Grammatik, Rechtschreibung oder Satzbau aber quasi kaum vermittelt wird. Für gezieltes Rechtschreib- und Grammatiktraining in Deutsch kann ich die verschiedenen Hefte vom LÜK-System empfehlen, auch weil mit der ganzen Familie oder Freunden zusammen gelernt werden kann. Sehr empfehlen kann ich verschiedene PC-Lernspiele von Klett, vor allem "Physikus", aber auch hier: gemeinsam spielen macht mehr Spaß!

Wie hast du dich auf Deinen Abschluss vorbereitet?

Bei mir gibt es da nichts spannendes zu berichten, alle meine vier Schulabschlüsse habe ich wärend meiner Schulzeit gemacht, ganz klassisch sozusagen. Ein bisschen anders verhielt es sich mit meinem Highschoolabschluss, den ich wärend der 10. und 11. Klasse über die Clonlara School gemacht habe. Aber auch dort habe ich mir im Wesentlichen meine Schulleistungen anrechnen lassen und ein paar meiner Freizeitativitäten dazugenommen.

Würdest du dir für deine Kinder ein Lernen ohne Schule wünschen?

Ja, ich würde meine Kinder auch ohne Schule lernen lassen!

Ich möchte meinen Kindern, wenn ich welche habe, diese grenzenlose Freiheit ermöchlichen, das Gefühl einfach Zeit zu haben. Aus eigener Erfahrung weiß ich, welch ungeahnte Fähigkeiten sich erst in einer solchen Umgebung entfalten können. Gleichzeitig glaube ich aber auch, dass eine gewisse Schulerfahrungen hilfreich ist, um Menschen verstehen zu können, die 13 (oder 12) Jahre zur Schule gegangen sind, und Erfahrungen mit ihnen zu teilen; und sich so besser in der Gesellschaft zurechtzufinden. Aber abgesehen davon hätte der Wunsch meiner Kinder die höchste Priorität, wenn sie zur Schule WOLLEN, dann dürfen sie auch und wenn nicht, dann halt nicht.